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Der Nachwuchs betrachtet die eigene Karriereplanung zunehmend strategisch

Junge Wissenschaftler stehen bei Berufsbeginn vor vielen Möglichkeiten der Karriereentwicklung. Welche Instrumente und Formate bei der Orientierung nützlich sein können, beschreibt Margarete Hubrath im Interview.

Margarete Hubrath
Margarete Hubrath, Trainerin

Margarete Hubrath ist seit 2001 national und international als Trainerin, Beraterin und Coach in der Wissenschaft tätig. Die promovierte Literaturwissenschaftlerin war lange Jahre in Forschung und Lehre an verschiedenen Universitäten und einem außeruniversitären Forschungsinstitut tätig.

 

Frau Hubrath, wie strategisch widmen sich Promovierende und Postdocs der strategischen Planung und Entwicklung ihrer eigenen Karriere?

Mein Eindruck ist, dass die eigene Karriereplanung und -entwicklung zunehmend strategisch betrachtet wird. Viele Doktorandinnen und Doktoranden in der Abschlussphase der Promotion überlegen mittlerweile genau, ob sie sie eine Postdoc-Phase anschließen und einen langfristigen Verbleib in der Wissenschaft anstreben oder ob sie ihren weiteren beruflichen Weg vielleicht außerhalb der Wissenschaft fortsetzen. Auch die Postdocs, für die eine wissenschaftliche Karriere im Vordergrund steht, stellen häufig strategische Überlegungen an, z. B. in Bezug auf das eigene Prioritätenmanagement. Wie viel Zeit und Aufwand investiere ich etwa in die Lehre, und was bringt mir das in meinem Fach langfristig?

Wie gut ist der Nachwuchs in der Wissenschaft in der Regel über mögliche Karrierewege in der eigenen Institution – sprich der Hochschule, dem Forschungsinstitut oder auch außerhalb der Wissenschaft – informiert?

Hier sehe ich deutliche Unterschiede zwischen dem wissenschaftlichen Nachwuchs an Hochschulen und in Forschungsinstituten. Für viele Jüngere an Hochschulen ist die Welt der Forschungsinstitute oft wenig bekannt. Die Unterschiede in der Ausrichtung zwischen den großen Forschungsgemeinschaften sowie die Besonderheiten von Forschungsinstituten auf Bundes- oder Landesebene sind kaum präsent. Umgekehrt hat der wissenschaftliche Nachwuchs an Forschungsinstituten die Hochschulen in der Regel deutlicher im Blick – was kein Wunder ist: dort hat man studiert und den Doktortitel erworben. Allerdings befürchten manche Postdocs aus Forschungsinstituten Nachteile,  z. B. bei der Bewerbung an Universitäten, etwa auf Juniorprofessuren. Dagegen sind Nachwuchsgruppenleitungspositionen  für Postdocs an Forschungsinstituten oft eine deutlich näher liegende Karriereoption als für Postdocs an Universitäten. Hier ist vor allem das Emmy-Noether-Programm bekannt, weniger jedoch die anderen Nachwuchsgruppen-Programme.

Und an welche Personen und Instanzen wendet sich der Nachwuchs in der Regel mit Fragen zur Karriereunterstützung?

Solange mit der Promotion alles gut läuft, sind die Betreuer/innen erste Ansprechpartner. Das ist auch unbedingt sinnvoll – hier können gute Hinweise oder konkrete Unterstützung zum Beispiel beim Finden einer Postdoc-Stelle gegeben werden. Wenn es in der Promotion kriselt, können die Wege zur Unterstützung ganz unterschiedlich verlaufen, z. B. direkt über die Koordinierenden der Graduate School oder über eine Anmeldung zu einem Seminar oder Workshop aus einer Problemlage heraus. Wenn dann deutlich wird, dass dieses individuelle Problem zu komplex ist, um mal eben im Seminarrahmen  gelöst zu werden, wird der  Trainer oder die Trainerin in der Regel Beratungsangebote der Institution empfehlen. Im individuellen Coaching können Promovierende in mehreren Terminen vertraulich mit Coaches über ihre Situation beraten.
Postdocs handeln viel mit sich selber aus – inklusive beim Umgang mit Selbstzweifeln und mit dem Druck, den das Verfolgen einer Wissenschaftskarriere bedeuten kann. Kollegialer Austausch, Besuch von Seminaren und Workshops, evtl. Wahrnehmung eines Coachings wäre meiner Einschätzung nach die Reihenfolge.

Woran orientieren sich Promovierende bzw. Postdocs, wenn sie sich für bestimmte Angebote entscheiden?

An ihren Peers – wer hat was schon gemacht und war damit zufrieden? Aber auch an Anregungen und Empfehlungen der Betreuerinnen und Betreuer, an Informationen und Empfehlungen von Gleichstellungsbeauftragten oder Programmkoordinierenden.

Wo sehen Sie den größten Beratungs- und Unterstützungsbedarf bei Doktranden bzw. Postdocs und wer müsste hier handeln?

Promovierende in der Abschlussphase und frühe Postdocs treffen die Entscheidung für eine Postdoc-Stelle nicht immer bewusst und unter Abwägung von möglichen Alternativen. Ich sehe Unterstützungsbedarf bei der Klärung, ob der weitere berufliche Weg in der Wissenschaft liegt, oder ob individuelle Fähigkeiten und Wünsche nicht eher auf ein anderes Arbeitsgebiet hindeuten. Wie wichtig ist den Promovierenden und Postdocs Sicherheit? Work-Life-Balance? Gehalt? Autonomie? Wie und unter welchen Bedingungen arbeiten sie gerne? Wie mobil sind sie? Was sind sie bereit, einzusetzen (und auch auszuhalten), um in der Wissenschaft arbeiten zu können? Käme eine Stelle im Ausland auch mittel- und längerfristig in Frage? Was gewinnen sie und worauf verzichten sie, wenn sie nach der Promotion in der Wissenschaft bleiben?
In der Verantwortung sehe ich einmal die Betreuer und Vorgesetzten: Hier können z.B. im Rahmen der Mitarbeiter-Jahresgespräche auch Aspekte der Karriereplanung und -entwicklung besprochen werden. Ein differenziertes Feedback zu den Fähigkeiten und Entwicklungspotentialen ist dabei oft sehr hilfreich, wird aber zu selten geboten. Mentoren und Mentorinnen (so vorhanden) sind ebenfalls angesprochen. Und die Personalentwicklung der Institutionen sehe ich über die Entwicklung von unterstützenden Programmen oder individuell abrufbaren Angeboten wie z.B. Coaching auch angesprochen.

Gibt es für die individuelle Karriereplanung Instrumente und Maßnahmen, die sich aus Ihrer Sicht bewährt haben?

Besonders bewährt sind für das Thema Veranstaltungen zu alternativen Karrierewegen mit Gästen, die nach der Promotion oder in der Postdoc-Phase das Berufsfeld gewechselt haben. Der Wechsel in den neuen Arbeitsbereich sollte möglichst nicht allzu lange zurückliegen, damit die Erinnerung an den Umorientierungsprozess noch nicht völlig verblasst ist.
Für Postdocs ist aus meiner Sicht Peer-Coaching zur konstruktiven Reflexion karriererelevanter Fragen sehr wirkungsvoll. Was an vielen Unis noch fehlt, ist ein gutes Netzwerk der Doktoranden- oder Postdoc-Alumni/ae.

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