Köpfe

Notizen auf Flipchartpapier zum Thema Wandel in der Wissenschaft.

Der Wissenschaftler als Innovator

Mark Prandolini, leitender Wissenschaftler der Gruppe „DESY/HI-Jena: Freie-Elektronen-Laser (FEL) and Nonlinear Photonics Group“ und Mit-Gründer des Start-Ups Class 5 Photonics, das auch im Rahmen von Helmholtz Enterprise gefördert wurde, schreibt hier über seine Freude an der Innnovation und die Last des Gründens.

Innovationen sollen meiner Meinung nach stets einen positiven Beitrag für die Gesellschaft leisten. Daher suche ich Innovationen, die nachhaltig und umweltverträglich sind. Eine Innovation sollte das Leben der Menschen direkt verbessern oder auch neues Wissen in die Welt bringen, Wissen, das die Welt weiter bringt.

Mich fasziniert auch die Vielschichtigkeit Innovationen. Es gibt technische Neuerungen wie z.B. Glasfasern, das Rückgrat des Internets, oder aus meinem Arbeitsbereich, der Femtosekundenlaser, der in der Medizin angewandt wird, Mikrolaserbearbeitung oder 3D-Lithographie. Weiterhin gibt es Business-Model-Innovationen, bei denen der Fokus nicht auf der technischen Neuigkeit liegt, sondern auf einen neuen Zugang im Wirtschaftsbereich. Ein gutes Beispiel dafür ist Facebook, durch das nicht nur ein neues Wirtschaftsmodell entstanden ist, sondern das in der Folge auch neue Gesellschaftsformen geprägt hat. Ein anderes Beispiel ist das FabLab-Konzept, eine offene Werkstatt mit dem Ziel, Privatpersonen den Zugang zu modernen industriellen Produktionsverfahren zu eröffnen. Typische Geräte, die hier zugänglich gemacht werden sollen, sind Laser-Cutter, CNC-Maschinen oder 3D-Drucker. Auch das FabLab soll die Gesellschaftsformen verändern; Privatpersonen sollen vor Ort in einer Werkstatt zusammenkommen, um Ideen auszutauschen oder etwas Neues zu schaffen.

Ich wurde zum Innovator als Co-Gründer eines Start-Ups. Wie alle guten Ideen begann auch diese an einem Abend in einer Kneipe, in diesem Fall in Hamburg. Wir waren vier Gründer: Franz Tavella (Helmholtz-Institut Jena), unser Gruppenleiter, Robert Riedel (Helmholtz-Institut Jena), Michael Schulz (DESY) und ich (Helmholtz-Institut Jena). Damals entwickelten wir die kommende Generation von Hochleitungs-Femtosekundenlasern für den Freie-Elektronen-Laser am DESY. Dabei kam uns die Idee, diese neue Technologie zu weiteren Anwendungen zu bringen. An dem Abend haben wir uns einen lustigen Namen für die Firma ausgedacht: Class 5 Photonics. Die Laserklasse 4 ist die höchste international anerkannte Leistungsklasse. Bei DESY hatten wir gerade einige Weltrekord-Laser geschafft. Also dachten wir, unser Firmenname kann versprechen, eine noch höhere Klasse zu erreichen. Später am selben Abend haben wir auch unseren zukünftigen Laserprodukten Namen gegeben: „White Dwarf“, „Red Giant“, und „Supernova“ – wir waren sehr produktiv in jener Hamburger Kneipe.

Will man als Wissenschaftler ein Start-up gründen, muss man Neuland betreten.

Plötzlich ist man mit Businessmodellen, der Finanzwelt, Marketing, Recht, dem Umgang mit Kunden, Export-Import-Regeln, Steuern, personellen Fragen u.s.w. konfrontiert. In der Anfangsphase hat der Technologie-Transfer (TT) des DESY uns mit vielen formalen Fragen enorm geholfen. Aber zuverlässige Informationen über das zentrale Thema – die Beziehung zwischen unserem Produkt, möglichen Kunden und den in Betracht kommenden Financiers – sind schwer zu finden. Denn niemand kennt unser Produkt und unsere möglichen Kunden besser als wir. Dies wiederum wissen solide Vertreter der Coaching- und Beratungsbranche. Gute Berater beginnen mit Zuhören, bevor sie Ratschläge geben. Es sind aber nicht alle Berater gut. Aus meiner Sicht gewinnt man die wichtigsten Informationen durch die tägliche Arbeit und den Austausch mit anderen, ähnlichen Unternehmungen. CEOs von anderen Start-ups sprechen direkt aus Erfahrung, was gut und was nicht so gut funktioniert hat. Dieser Rat ist zudem meist kostenlos. Man muss nur entscheiden, ob er für die eigene Unternehmung passt oder nicht.

Und natürlich ist es auch ein riesiges Thema für Start-ups, eine Finanzierung zu finden. Es gibt eine Reihe von Möglichkeiten zur Anschubförderung, wie etwa die Helmholtz Enterprises, aber dauerhaft auf eigenen Füßen stehen, mit der Aufgabe ist jedes Start-up alleine.

Ein Teil unserer Träume von diesem Kneipenabend in Hamburg hat sich verwirklichen lassen. Wir aber träumen auch schon weiter. Das Femtosekundenlaser FabLab als offene Werkstatt, in der High-Tech Start-ups und kleine Forschungsteams Zugang zu Hochleitungs-Femtosekundenlaser erhalten, wäre für uns der nächste Innovationsschritt. Eine echte Innovation, so wie ich es oben beschrieben habe, nämlich als eine Neuerung, die auch die Gesellschaft verändert.

Mark Prandolini ist leitender Wissenschaftler der Gruppe „DESY/HI-Jena: Freie-Elektronen-Laser (FEL) and Nonlinear Photonics Group“. Er beschäftigt sich mit dem Design und Aufbau von Ultrakurzpulslasern für FEL „Seeding“ mit hoher Leistung, Pump-Proben-Experimenten, mit FEL Puls-Metrologie. Außerdem ist er Gründer der Class 5 Photonics GmbH.

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.