Köpfe

Abbild des Laufmühlenviaduktes mit einem Kran an den Säulen herunter. Foto: Tobias Bürkle

Für mich ist immer wichtig, dass eine Idee elegant, rund und sehr schön ist

Andreas Gerdes Ziel war es immer, die Welt ein Stück besser zu machen – ökologisch, ökonomisch, infrastrukturell. Er kreiert neue Materialien, die das Bauen stabiler, langlebiger und günstiger machen. Gleichzeitig ist er als Abteilungsleiter im Institut für Funktionelle Grenzflächen am KIT ein Mann der Wissenschaft und spielt nach deren Regeln.

Der gebürtige Ostfriese wusste bereits mit acht Jahren, welchen Beruf er einmal ergreifen würde. Als er zum Geburtstag ein Buch über berühmte Naturforscher erhielt, war der Wunsch geboren: die Welt durch Wissenschaft verändern, zumindest ein klein wenig und in jedem Fall hin zum Besseren. Bereits im Studium entscheid er sich für einen Bereich an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Wirtschaft, Bauchemie, und konnte neben der Universität intensiv praktische Erfahrungen in einer Firma sammeln, die neben der handwerklichen Ausführung auch bauchemische Produkte für das Sanieren feuchter Keller entwickelte.

Später, als Doktorand an der ETH Zürich, vermittelte ihm sein Doktorvater, dass wissenschaftliche Exzellenz nicht nur an der Masse der Publikationen festzumachen ist. Da Gerdes die finanziellen Mittel für sein bauchemisches Labor selbst auftreiben musste, begann er bereits in dieser Phase Kooperationen mit der Industrie aufzusetzen, was wiederum dazu führte, dass er an der Universität kontinuierlich eine Arbeitsgruppe aufbaute und anleitete – noch bevor er seine eigene Promotion abgeschlossen hatte. Seit dieser Zeit fährt Gerdes konsequent mehrgleisig: Lange Jahre lang war er gleichzeitig Abteilungsleiter im Institut für funktionelle Grenzflächen (IFG) am KIT, Professor an der der Hochschule Karlsruhe sowie Mitinitiator und Vorstandsvorsitzender der Ionys AG, einer Ausgründung des KIT, die Konzepte und Methoden zur Prävention im Bau entwickelt.

Ein solches Leben ist natürlich, zumindest phasenweise, kräftezehrend. Bereuen tut er es dennoch nicht, denn er hat das gute Gefühl, dass er stets die Dinge umsetzen konnte und kann, die ihm wirklich wichtig sind. „Wenn man selbst ganz und gar von einer Sache überzeugt ist, dann kann man auch andere Menschen überzeugen und deren Unterstützung gewinnen.“ Was ihn antreibt ist Leidenschaft – und dabei erlebt all die Höhen aber auch Tiefen, die Leidenschaft mit sich bringen kann. Gerdes ist überzeugt, dass viele Wissenschaftler/innen stark von Emotionen getrieben sind, dass dies jedoch in der Regel nicht eingestanden bzw. thematisiert wird. Stattdessen werden vermeintlich sachliche Argumente und Expertise vorgeschoben, doch dies wirkt in vielen Diskussionen eben auch verzerrend. Er selbst erlebt oft, dass Menschen positiv auf sein hohes Engagement reagieren und ihm Vertrauen schenken, genau weil sie spüren, dass er wirklich für eine Sache brennt.

Zielstrebigkeit und Beharrlichkeit, die ihm selbst helfen, seine Ideen zu verfolgen, auch gegen Widerstände, sind für ihn Eigenschaften, über die Wissenschaftler/innen generell verfügen sollten. Sie sollten jedoch nicht zu Starrsinn oder Tunnelblick führen; ebenso wichtig ist aus seiner Sicht die Fähigkeit, über den eigenen Tellerrand zu blicken und sich bewusst zu werden, welche gesellschaftlichen Wirkungen die eigene Forschung hat oder habe kann. Letztlich, so sieht er es, geht es auch in der Wissenschaft darum, Ideen zu „verkaufen“, was besonders schwer ist, da es sich nicht um greifbare Produkte handelt. Wissenschaftler/innen müssen sich also durchaus fragen lassen, welchen gesellschaftlichen Wert ihre Arbeitsergebnisse haben. Sie sollten über Managementfähigkeiten und das Talent verfügen, mit Partnern auch einen Abschluss zu tätigen, gut kommunizieren und kooperieren können (und wollen). Dass dieses durchaus komplexe Anforderungsprofil dem wissenschaftlichen Nachwuchs nicht immer klar vermittelt wird, hält er für einen großen Fehler. In der Forschung werde zu früh und nach, aus seiner Sicht, zu eingeschränkten Kriterienkatalog aussortiert. Als herausragende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gelten immer noch diejenigen, die viel publizieren (egal was) und große Summen an Drittmitteln einwerben. Wer diese Kriterien nicht erfülle, der fällt schnell durch das Raster – dadurch gehen der Wissenschaft viele Talente verloren.

Ergänzung: Wir brauchen mehr Grenzgänger in der Wissenschaft. An den Schnittstellen verschiedener Wissensgebiete entsteht neues Wissen und Fortschritt.

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