Helmholtz & Friends

Zwei Teilnehmerinnen betrachten die Ergebnisse auf Flipchart bei der "In Führung gehen" Netzwerktagung 2011.

Hospitation: Mehr als bloßes Schauen über die Schulter

Hospitationen sind in allen Phasen des Berufslebens sinnvoll, für erfahrene Fachkräfte ebenso wie für angehende Führungskräfte. Wie und warum dieses Personalentwicklungsinstrument der Helmholtz-Gemeinschaft gewinnbringend für das Talentmanagement eingesetzt werden kann, erläutert Josef Puchta im Interview.

Hospitationen sind in allen Phasen des Berufslebens sinnvoll, für erfahrene Fachkräfte ebenso wie für angehende Führungskräfte. Wie und warum dieses Personalentwicklungsinstrument der Helmholtz-Gemeinschaft gewinnbringend für das Talentmanagement eingesetzt werden kann, erläutert in idesem Interview Josef Puchta.

Er ist Kaufmännischer Stiftungsvorstand des Deutschen Krebsforschungszentrums Heidelberg (DKFZ). Er hat eine Honorarprofessur an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Mannheim mit dem Schwerpunkt  Betriebswirtschaftslehre und Management inne und ist Mitbegründer des  „Exchange Programs for Administrative Managers and Executives“.

Portrait von Prof. Dr. Josef Puchta
Josef Puchta

Herr Puchta, die Helmholtz-Gemeinschaft ermöglicht Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Helmholtz Zentren, durch eine Hospitation ihre beruflichen Kompetenzen auszubauen: Für welchen Kompetenzerwerb lassen sich Hospitationen besonders gut einsetzen?

Grundsätzlich begrüße ich jede Form des Austausches bzw. die Möglichkeit, zusätzliche berufliche Erfahrungen zu gewinnen. Ich halte es für unerlässlich, dass man unterschiedliche Arbeitswelten und Arbeitskulturen persönlich erleben kann. Von daher bieten Hospitationen eine interessante Möglichkeit, neben dem fachlichen Zugewinn auch Einblicke in andere Arbeitsabläufe zu erhalten. Zudem relativiert möglicherweise eine Hospitation auch die eigenen „Problemlagen“ und kann Impulse für Veränderungsprozesse setzen.

Was können Hospitationen im Rahmen einer  gut strukturierten Personalentwicklung leisten und was eher nicht?

Im Rahmen der Personalentwicklung können Hospitationen aus meiner Sicht zweierlei Dinge leisten: Sie können auf die Übernahme einer neuen Tätigkeit bzw. Verantwortung vorbereiten sowie helfen, „eingefahrene“ Strukturen aufzubrechen und Impulse für Veränderungen zu liefern. Im DKFZ haben wir mit beiden Aspekten gute Erfahrungen gemacht. Hierzu zwei Beispiele: Einer Mitarbeiterin wurde – bevor sie die Position als Personalleiterin übernahm – ein neunmonatiger Aufenthalt in der Personalabteilung des CERN in Genf ermöglicht. Und ein Mitarbeiter der Abteilung Beschaffung und Materialwirtschaft konnte eine einwöchige Hospitation im Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) absolvieren. Die jeweiligen Rückmeldungen waren sehr positiv.

In welcher Phase der beruflichen Karriere ist eine Hospitation sinnvoll?

Grundsätzlich halte ich Hospitationen in allen Phasen des Berufslebens für sinnvoll. Selbst erfahrene Fachkräfte profitieren von einem Austausch mit ihren Fachkollegen.

Aber auch zur Vorbereitung auf eine neue Funktion kann eine Hospitation hilfreich sein. Im DKFZ haben wir Austauschprogramme schon vor vielen Jahren initiiert, wie etwa das Austauschprogramm mit der Hebrew University in Jerusalem. Mit ihm werden im jährlichen Wechsel zwei bis drei Personen entweder aus Jerusalem oder aus Heidelberg für ein bis zwei Wochen zur Hospitation nach Israel oder Deutschland entsendet. Und zurzeit weiten wir dieses Programm auch auf andere israelische Universitäten aus. Darüber hinaus gibt es seit Jahren einen intensiven Personalaustausch mit dem Weizman Institute in Rehovot, Israel.

Welche Kernelemente sollte ein Hospitations-Programm mindestens aufweisen, damit es wirkungsvoll ist?

Kernelemente eines Hospitationsprogrammes sollten sein: Das Commitment der austauschenden Einrichtungen, ein solches Programm mit aller Ernsthaftigkeit durchzuführen. Ein einführender Überblick über den Kooperationspartner sowie die Benennung einer Ansprechperson, die für den Hospitationsaufenthalt verantwortlich ist und auch eine Betreuungsfunktion übernimmt. Das Einbinden in Arbeitsabläufe und nicht nur ein „über die Schulter schauen“. Nach Möglichkeit die Ausarbeitung eines Programmes für die Zeit des Aufenthalts. Nach Beendigung des Hospitationsprogramms ein kurzer Bericht über den Aufenthalt und welche Erkenntnisse bzw. Anregungen für die eigene Einrichtung mitgenommen worden sind. Und eine klare Regelung für den mit dem Hospitationsaufwand verbundenen finanziellen Aufwand.

Welche Rolle spielt das Personalentwicklungsinstrument „Hospitation“ im Rahmen der strategischen Personalentwicklung beim Deutschen Krebsforschungszentrum  Heidelberg?

Das DKFZ hat schon lange bevor das Austauschprogramm der Geschäftsstelle der Helmholtz-Gemeinschaft aufgelegt wurde, einen intensiven Austausch mit akademischen Partnern im In- und Ausland gepflegt. Dies trifft sowohl auf den wissenschaftlichen als auch den administrativ-technischen Bereich zu. Das Helmholtz-Programm ist für das DKFZ eine willkommene Ergänzung seiner langjährigen Aktivitäten auf diesem Gebiet. Es wurde auch bereits von zwei Personen mit großem Erfolg wahrgenommen. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse sind unmittelbar in die Arbeit der jeweiligen Bereiche eingeflossen. Ob man hier bereits von einem strategischen Personalentwicklungsinstrument „Hospitation“ sprechen kann, sei angesichts der geringen Zahl an Hospitationen doch noch etwas in Frage gestellt. Ich könnte mir aber vorstellen, dass man dieses Instrumentarium in der Tat noch stärker in die Personalentwicklung integriert.

Auch in Wissenschaft und Forschung führen Globalisierung und Digitalisierung zu neuen (internationalen) Arbeits- und Kooperationsformen: Sind Hospitationen eine Möglichkeit, diesem rasanten Wandel zu begegnen?

Wir beschäftigen uns in den Forschungszentren nicht nur mit Forschung und dem Ermöglichen von Forschung, sondern auch zunehmend mit der Bewältigung von Komplexität bzw. der Bewältigung des rasanten Wandels.

Besonders in den Lebenswissenschaften ist der Fortschritt so rasant, dass die Innovationszyklen immer kürzer werden. Wenn wir nicht dafür Sorge tragen, dass die Beschäftigten Instrumente an die Hand bekommen, um Komplexität und Wandel für sich beherrschbar zu machen, geraten wir schnell in strategische und komparative Nachteile. Aus dieser Betrachtungsweise kann ich mir gut vorstellen, dass wir den Austausch und damit auch die Hospitationsprogramme insgesamt intensivieren müssen. Dies kann auch bedeuten, dass man innerhalb der Helmholtz-Zentren die Fortbildung, die dominant auf der Ebene der Zentren stattfindet, stärker miteinander vernetzt.

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