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Mentoring – Zeigen, dass man es mit der Gleichstellungsförderung ernst meint

Braucht es ein fächerspezifisches Mentoring? Micaela Zirngibl beschreibt im Interview, welche Vorteile ein auf die Medizin ausgerichtetes Mentoring hat und welche Erkenntnisse sie aus ihrer Erfahrung als Koordinatorin für Mentoring zieht.

Foto Dr. Micaela Zirngibl
Micaela Zirngibl, Koordinatorin von ARIADNEmed

Das ARIADNEmed Mentoring-Programm der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) richtet sich an junge Medizinnerinnen, Naturwissenschaftlerinnen und Psychologinnen, die an der Medizinischen Fakultät bzw. am Universitätsklinikum arbeiten und forschen. Das Programm ist eines von fünf fachspezifischen Mentoring-Programmen , die eine Kernkomponente der Gleichstellungsarbeit der Universität bilden. Micaela Zirngibl bietet im Interview einen Einblick in das Programm.
Die promovierte Germanistin und Politikwissenschaftlerin ist seit 2009 als Koordinatorin des ARIADNEmed Mentoring-Programms an der Medizinischen Fakultät der FAU und des Universitätsklinikums Erlangen.

Frau Zirngibl, Was sind die wichtigsten Ziele Ihres Mentoring-Programms und an wen richtet es sich?

Wir haben in der Medizin viel zu wenige Professorinnen — an den Universitäten sind in der Medizin die Professuren nur im einstelligen oder niedrigen zweistelligen Prozentbereich von Frauen besetzt. Und das, obwohl beinahe zwei Drittel der Medizinstudierenden weiblich sind! Ziel des ARIADNEmed-Programms ist es daher, potenzialreiche Nachwuchswissenschaftlerinnen zu motivieren, eine akademische Laufbahn einzuschlagen und nicht vorzeitig den Wissenschaftsbetrieb zu verlassen. Das Programm setzt bei Frauen nach der Promotion an, denn das ist der Laufbahnpunkt, an dem wir besonders viele Frauen verlieren.


Wie ist die fakultäts- und fachspezifische Ausrichtung des Programms zu verstehen?

Mentoring-Programme bietet heute fast jede Uni, denn Mentoring ist ein bewährtes Gleichstellungsinstrument. Die Förderleistung lässt sich aber bedeutend steigern, wenn man sich fakultäts- bzw. fachspezifisch ausrichtet. Schließlich sind die Wissenschaftskulturen in den verschiedenen Bereichen sehr unterschiedlich.
Für die ARIADNEmed-Mentees bedeutet dies konkret, dass etwa das Seminar zu Forschungsförderung oder das zu Publikationsstrategien eigens auf ihr Fach zugeschnitten sind. Denn Forschungsförderung in den Geisteswissenschaften läuft ganz anders ab.
Oder schauen Sie auf das Thema „Vereinbarkeit von Wissenschaft und Privatleben“. Für eine Ärztin, die in die Klinikdienste eingebunden ist, stellt sich Vereinbarkeit ganz anders dar als für eine Historikerin.


Was sind die zentralen Bausteine des Mentoring-Programms?

Herzstück ist die Mentoring-Beratung durch eine laufbahnerfahrene Person – in der Regel eine Professorin oder ein Professor. In den persönlichen Gesprächen können Karrierepläne erörtert und konkrete Karriereschritte besprochen werden. Die Mentee profitiert hier von dem Erfahrungsvorsprung und lernt auch die sogenannten ungeschriebenen Regeln des Wissenschaftsbetriebs kennen. Kombiniert wird diese individuelle Beratung mit einem hochkarätigen Seminarprogramm zur überfachlichen und persönlichen Kompetenzentwicklung.


Wie unterstützen Sie die Teilnehmerinnen dabei, ihre wissenschaftliche Laufbahnen und Karrierewege in der Medizin strategisch zu planen?

Das ist die Aufgabe der Mentorinnen und Mentoren. Sie beraten die Mentees und teilen bereitwillig ihre Erfahrung und ihre Netzwerke. Meine Aufgabe ist es, von Durchgang zu Durchgang ein Seminarprogramm zusammenzustellen, das die Bedürfnisse der Wissenschaftlerinnen bestmöglich berücksichtigt. Im aktuellen Durchgang habe ich z.B. neben „Forschungsförderung“ und „Publikationsstrategien“ ein neues Seminar zum Thema „Projektmanagement“ eingeplant – weil sich viele Mentees das Thema gewünscht haben.


Welche Voraussetzungen gibt es für die Teilnahme?

Die Grundvoraussetzung ist, dass Interesse an einer akademischen Laufbahn besteht – schließlich fördern wir Nachwuchswissenschaftlerinnen mit dem Ziel einer Professur. In formaler Hinsicht muss die Promotion abgeschlossen sein. Die Wissenschaftlerinnen durchlaufen ein mehrstufiges Bewerbungsverfahren, zu dem ein persönliches Gespräch gehört, in dem geklärt werden soll, ob die Möglichkeiten des Programms zu den Erwartungen der Wissenschaftlerin passen.

Was kann Ihren Erfahrungen zufolge ein Mentoring-Programm leisten und was eher nicht?

Mentoring kann erstaunliche Effekte haben: Es kann Orientierung bieten und Klärung herbeiführen, es kann helfen, Durststrecken zu überwinden, Laufbahnschritte auslösen, notwendige Umorientierungen unterstützen, Zugänge erleichtern und es kann auch Austausch fördern sowie Entlastung schaffen. Das hängt freilich auch von der Mentee und ihrem Geschick ab, die Möglichkeiten des Mentoring zu nutzen.
Mentoring kann jedoch nicht – und das muss man klar sagen – die Strukturen des Wissenschaftsbetriebs und die systemischen Hemmnisse für Laufbahnen von Wissenschaftlerinnen ändern. Es setzt nur auf der individuellen Ebene an.

Welche Erwartungen haben die Mentees in der Regel an das Mentoring-Programm?

Manche Bewerberinnen haben sehr konkrete Erwartungen an das Programm. Sie haben zum Beispiel erste Lehrverpflichtungen oder leiten ihre erste eigene Arbeitsgruppe. Daher suchen sie nach Informationen und Vorbildern, um diese neue Rolle ausfüllen zu können. Andere können sich eine wissenschaftliche Laufbahn gut vorstellen, haben aber noch viele Fragen zum Weg dahin. Manche Bewerberin wünscht sich eine Mentorin, die selbst Kinder hat. Eine andere ist Ärztin, wünscht sich aber eine Professorin aus der Pharmakologie, weil sie nun in diesem Bereich arbeitet. Wir schauen beim Matching sehr genau drauf, dass Mentor/Mentorin und Mentee zusammenpassen.

Was sind Ihre wichtigsten Erfahrungen und Empfehlungen aus ihrem Mentoring-Programm (u. a. Erfolgsfaktoren, Akzeptanz etc.)?

Die ARIADNE-Programme an der FAU sind inzwischen eine kleine Erfolgsgeschichte. Das hat auch damit zu tun, dass es früh gelungen ist, diese Programme durch Zielvereinbarungen fest in die Gleichstellungsarbeit der FAU zu integrieren und für eine stabile Finanzierung zu sorgen. Die FAU zeigt dadurch auch, dass sie es ernst meint mit der Gleichstellungsförderung.
Akzeptanzprobleme kenne ich nicht – im Gegenteil. Die Programme sind hier an der FAU bestens etabliert und akzeptiert. Es mangelt uns nicht an engagierten Mentorinnen und Mentoren. Und wir freuen uns über die große Nachfrage bei den Nachwuchswissenschaftlerinnen.

Sind Mentoring-Programme, die sich nur an weibliche Nachwuchskräfte richten, sinnvoller als gemischtgeschlechtliche?

Ich würde das nicht absolut sehen. Mentoring ist ein Instrument, das in verschiedenen Bereichen sinnvoll eingesetzt werden kann. Wir an der FAU setzen es eben sehr erfolgreich für die Gleichstellungsförderung ein.

 

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