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Wo wächst er denn hin? Diskussion zum Begriff „Nachwuchswissenschaftler/in“

Der Begriff „Nachwuchswissenschaftler/in“ bezieht sich auf Menschen völlig unterschiedlicher wissenschaftlicher Qualifizierungsstufe und Erfahrung – und wird den wissenschaftlichen Mitarbeiter/innen, die die meiste Arbeit an den Universitäten und Forschungseinrichtungen machen, nicht gerecht. Ein Beitrag zur Begriffsdiskussion.

Stellen Sie sich vor, Sie treffen einen jungen Mann, der gerade seine Ausbildung zum Bäcker abgeschlossen hat; jetzt arbeitet er in Vollzeit als Bäcker. Kämen Sie auf die Idee, diesen Mann „Nachwuchsbäcker“ zu nennen? Oder ist man nicht eigentlich in den meisten bürgerlichen Berufen nach der Ausbildung ein/e vollwertige/r Vertreter/in des Faches?

Nicht so in der Wissenschaft. Hier gilt man bis in die fortgeschrittene Karriere hinein, also genauer gesagt, bis zu dem Zeitpunkt, an dem man einen Professorentitel verliehen bekommt, als „Nachwuchswissenschaftler/in“. Dabei wird auch nicht unterschieden, ob man gerade erst als Doktorand/in in das wissenschaftliche System eingestiegen ist, oder ob man mit jahrelanger Erfahrung im Wissenschaftssystem gut verankert ist und selbstständig forscht. Das Wort „Nachwuchs“ ist einer Begriffswelt entlehnt, die einerseits etwas Familiäres vermuten lässt („Doktorvater/-mutter“), andererseits aber genau deshalb auch entmündigend wirkt und Abhängigkeiten betont. Es ist fraglich, ob diese Begriffswelt zu professionellen Lebenswegen in der Wissenschaft passt.

Den Effekt, den diese Bezeichnung auf die Bezeichneten hat, wurde im Februar 2017 bei der Veranstaltung der Schader Stiftung in Darmstadt „War die Zukunft früher besser?“ diskutiert und unter dem Hashtag #zukunftbesser viral begleitet. Viele Argumente der dort ausgelösten Diskussion beziehen sich darauf, dass unbefristet Angestellte (also z.B. Professoren/innen) nur 18 % des Personals an Universitäten ausmachen, während sich der Großteil des wissenschaftlichen „Nachwuchses“ mit befristeten Verträgen zufrieden geben muss –  trotzdem aber die meiste Arbeit in Forschung und Lehre leisten soll. Beim sogenannten wissenschaftlichen Nachwuchs macht sich daher seit geraumer Zeit Unmut breit, denn die Vertreter dieser Gruppe fühlen sich nicht wertgeschätzt und zusätzlich durch einen unpassenden Begriff abgewertet.

Im Laufe der Veranstaltungen entstanden nicht nur zahlreiche Tweets sondern es wurde auch proaktiv versucht, eine neue Bezeichnung für diese heterogene Gruppe zu finden: Als beste Variante wurde schließlich der Begriff „BESTI(e)N“ gefunden, der eine Abkürzung für „Befristete Stellen-Inhaber/innen“ darstellt.

Dies gefiel wiederum nicht allen. In ihrem in Anschluss an die Veranstaltung verfassten Blogpost kommentiert die Historikerin Karoline Döring, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Innsbruck, diesen Begriff zynisch und fasst die sich aus ihrer Sicht stellende Problematik zusammen. Von ihr stammt auch das einleitend angeführte Beispiel mit dem Bäcker. Döring konstatiert, dass es arbeitsrechtlich keinen Grund gibt, gestandene Wissenschaftler/innen mit dem Begriff „Nachwuchs“ zu belegen und fragt sich, wo dieser Nachwuchs denn hinwächst – angesichts der Tatsache, dass es gar nicht genug Professuren gibt, in die man hineinwachsen könnte. Auch sie betont, dass das Wort einer unpassenden Begriffswelt entlehnt sei und fordert ausdrücklich, der Begriff „Nachwuchs“ müsse abgelehnt und ein neuer Begriff für die Interessensvertretung gefunden werden. Dieser solle auch die Unterschiedlichkeit innerhalb der Gruppe der „Nachwuchswissenschaftler/innen“ nicht als Schwäche, sondern als Stärke hervorheben. Als Antwort darauf bestärkte Moritz Klenk, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Witten/Herdecke, in einem Podcast die Forderung nach einem neuen Begriff für all jene, die die meiste Arbeit an den Universitäten leisten. Schließlich soll ja schon der Masterabschluss zum eigenständigen wissenschaftlichen Arbeiten befähigen; wenn man aber für die Promotion noch einmal gedanklich einen Schritt zurück geht, und sich selbst nicht als mündiger Wissenschaftler, sondern als „Nachwuchs“ bezeichnet (oder bezeichnen lässt), dann schädigt das dem eigenen Selbstverständnis.

Die Europäische Kommission hat bereits 2005 vorgeschlagen, die wissenschaftliche Karriere in 4 Schritte aufzuteilen: „R1“ als „Forscher/in der ersten Stufe“ („First Stage Researcher“) bis zu dem Zeitpunkt, in dem man den Doktortitel hat, „R2“ als „Anerkannte/r Forscher/in“ („Recognized Researcher“), die zwar einen Doktortitel haben aber in ihrer wissenschaftlichen Arbeit „noch nicht ganz unabhängig sind“, beispielsweise Postdocs. Als dritten Schritt dann „R3“, „Etablierte/r Forscher/in“ („Established Researcher“) und als letzten Schritt „R4“ dann „Leitende/r Forscher/in“ („leading researcher“), also Professoren. Dieser Vorschlag scheint jedoch im akademischen Raum in Deutschland nur erst wenig Einfluss zu haben. Die Kategorien im deutschen Wissenschaftssystem sind deutlich weniger klar, weshalb es nicht wundert, dass auch die Statistiken hinterherwinken. So gibt es ganz unterschiedliche Aussagen darüber, wie viele Postdocs es in Deutschland gibt. Vielleicht aber passt auch das rationale Bild von R1 bis R4 einfach nicht in die emotional geprägte Sprachwelt der akademischen „Familie“?

Dass der Begriff „Nachwuchswissenschaftler/in“ nicht zutrifft, ist offensichtlich, da man Menschen mit viel Erfahrung und breiten Kompetenzen nicht als Nachwuchs bezeichnen kann. Allerdings stellt sich auch die Frage, ob es überhaupt die Notwendigkeit gibt, all diese unterschiedlichen Menschen in einen Topf zu werfen. Es stimmt, eine/ Doktorand/in und jemand, der/die schon seit Jahrzehnten als Forscher/in aktiv ist, haben nicht viel gemeinsam. Wieso muss man diese beiden Personen dann überhaupt mit einem gemeinsamen Label versehen? Der Sprecher der Jungen Akademie, Florian Meinel, schreibt in der Süddeutschen Zeitung vom 27. Februar 2017, dass die Interessen dieser Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die nicht Professoren sind, schlecht repräsentiert sind. Wie Karoline Döring greift er das Thema der fehlenden Professuren auf. Es scheint fast so, als würde sich der Unmut der „Nachwuchswissenschaftler/innen“ über die wenigen freien Stellen und damit blockierten Karrierewege stellvertretend auch in der Empörung über den Begriff „Nachwuchswissenschaftler/in“ ausdrücken. Beide Aspekte werden in dieser Diskussion verbunden und die Autor/innen fordern nicht nur eine Verbesserung der Sprache, sondern auch der Verhältnisse. Der bislang so brave Nachwuchs rebelliert – gegen ihre (Doktor-) Väter und –Mütter.

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