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Metaplanerkarten auf dem Metaplaner von "Gesundes Führen" 2015

Zu viele interessante Herausforderungen, um nur ein Berufsleben zu leben

Wenn in der Helmholtz-Gemeinschaft über Karriereberatung in der Wissenschaft gesprochen wird, wird häufig auf das DKFZ verwiesen. Leiterin des Career Service des DKFZ ist Barbara Janssens, die hier über ihre Erfahrungen spricht.

Barbara Janssens
Barbara Janssens, Leiterin des Career Service am DKFZ. Foto: Tom Nauta Fotografie

Die international erfahrene Wissenschaftlerin Barbara Janssens unterstützt junge Nachwuchswissenschaftler auf ihren Karrierewegen und zeigt ihnen – auch aus eigener Erfahrung: Es gibt viele Wege zum beruflichen Erfolg.

Barbara Janssens ist Leiterin des Career Service am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg. Die Biotechnologin aus Belgien, Musikerin, Managerin, ehemalige Chefredakteurin und Herausgeberin spricht sechs Sprachen und bekamden Premier Prix im Piano am Conservatoire de Musique de la ville de Luxembourg. Während ihres Studiums im belgischen Gent forschte sie am Uppsala Biomedical Centre in Schweden, dem Europäischen Labor für Molekularbiologie in Heidelberg und dem Netherlands Cancer Institute in Amsterdam; am Institut Curie in Paris war sie als Postdoc tätig. Danach arbeitete sie für den Wissenschaftsverlag Wiley-Blackwell als Chefredakteurin und Herausgeberin des „Biotechnology Journal“, der Zeitschriften „European Journal of Lipid Science and Technology“, „Engineering in Life Sciences“ und des Magazins “BiotecVisions“. Barbara Janssens absolvierte Managementausbildungen und leitet Workshops über „Scientific Writing“, Jobsuche, Netzwerken und Karriereentwicklung. Gemeinsam mit der Londoner Karriereberaterin Sarah Blackford gründete sie zudem die die Organisation „CARE – CareersAdvisers supporting Researchers in Europe (CARE)“, um Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bei ihrer Karriereentwicklung zu unterstützen.

Frau Janssens: Sie selbst verfügen über eine vielfältige Bandbreite an Talenten und Kompetenzen: Wie haben Sie persönlich – trotz vielseitiger Begabungen und Interessen – Ihren Berufsweg gefunden?

Durch Zufall. Das war schon so bei meiner Studienwahl. Ich konnte als Schülerin viele verschiedene Dinge recht gut und musste mich entscheiden. Ich wollte etwas studieren, das so breit wie möglich aufgestellt ist und mir hilft – sehr naiv gesehen –,das Leben besser zu verstehen. So entschied ich mich dazu, Biologie zu studieren. Aber meine Entscheidung war überhaupt nicht auf einen späteren Beruf gerichtet. Sie basierte einfach auf meinem Drang, mehr zu wissen und zu verstehen. Ich glaube, so geht es vielen Wissenschaftlern. Man entscheidet sich nicht für ein Studium, weil man einen bestimmten Job im Auge hat, sondern weil man sich für das Fach begeistert.

Und wie ging es für Sie nach dem Biologiestudium weiter?

Ich bin mir treu geblieben und habe einfach das gemacht, was ich interessant fand. So ging ich ins Ausland und habe in Schweden, Deutschland, den Niederlanden und Frankreich geforscht. Nach meiner Postdoc-Zeit kamen ich mit meiner Familie zurück nach Deutschland und damit in eine neueAlltagsrealität. Ich war immer fest entschlossen, weiterhin zu forschen. Aber inzwischen war ich Mutter eines vier Monate alten und eines zweijährigen Kindes, und das war schon rein praktisch gesehen mit meinen Forschungsambitionen nicht ohne weiteres vereinbar.

Eher zufällig fand ich eine Anstellung als Trainee bei einem Verlag für wissenschaftliche Literatur und zu meiner eigenen Überraschung entpuppte sich diese neue Tätigkeit als sehr befriedigend für mich. Nebenbei fing ich an, Kurse über wissenschaftliches Schreiben anzubieten – u.a. an Universitäten, auf Konferenzen und auch am Deutschen Krebsforschungszentrum. Diese Arbeit mit jungen Wissenschaftlern mache ich noch immer sehr gerne. Wenn ich als Einführung mit ihnen über meinen persönlichen Werdegang spreche, stößt dies bei ihnen  oft auf Interesse. Dann erfuhr ich von der Initiative der Helmholtz International Graduate School am DKFZ, einen Career Service einzurichten, ähnlich wie die Angebote, in angelsächsischen Ländern. Ich fand es spannend, dies an einem Forschungszentrum aufzubauen. Und so beschloss ich, meine unbefristete Stelle beim Verlag zu verlassenund mich auf etwas Neues einzulassen.

Also beim Jobwechsel keine Angst haben und mit Mut nach vorne schauen?

Ja, das ist aus meiner Sicht eine gute Haltung. Postdocs tun sich manchmal schwer mit der Aussicht auf befristete Stellen und unsichere Perspektiven. Aber wenn man die Erfahrung macht, dass man sowohl in einer festen als auch in einer befristeten Anstellung sich weiterentwickeln und neue Aufgaben übernehmen kann, hat man mehr Freiheit gewonnen.

Eine Untersuchung der Universität Heidelberg ergab, dass promovierte Personen, die eine Stelle außerhalb der Wissenschaft innehaben, mit ihrer beruflichen Entwicklung deutlich zufriedener sind, als diejenigen, die in der Wissenschaft geblieben sind. Woran könnte das Ihrer Meinung nach liegen?

Die allgemeine Lebenszufriedenheit hat bei vielen jungen Nachwuchswissenschaftlern einen sehr hohen Stellenwert. Es ist ihnen wichtig, auch ein Leben über den Arbeitsalltag hinaus zu haben. Dazu gehört, dass man manchmal sein Leben  planen möchte. Das Gefühl, eine gewisse Kontrolle zu haben,führt dann vielleicht auch zu einer höheren Zufriedenheit. Außerhalb der Wissenschaftswelt findet man andere Rahmenbedingungen. Wir wissen, dass sich junge Wissenschaftler heute mehr Transparenz darüber wünschen, wie ihre Leistungen evaluiert werden und welche Entwicklungsmöglichkeiten sie haben. Denn die Forschung an sich ist unsicher und man kann nicht planen, dass man erfolgreich forschen wird. Dazubraucht man große Leidenschaftund viel Durchhaltevermögen.

Stimmt die Behauptung, dass  begabte Nachwuchswissenschaftler ihre  Doktorarbeit oft ohne ein klares Berufsziel beginnen, weil die Forschung im Vordergrund steht? Ein scheinbar klar vorgegebener Weg wird dann durch eine Postdoc-Stelle eingeschlagen, ohne sich darüber Gedanken zu machen: Welche berufliche Entwicklung möchte ich zukünftig einschlagen und was sind meine Begabungen und Stärken?

Die meisten Wissenschaftler machen keine Stärken-Schwächen-Analyse, bevor sie sich für ihr Studium entscheiden. Dass sie über Fähigkeiten verfügen, die für das Studium notwendig sind, das ist ihnen aber schon bewusst. Doch welche konkreten Möglichkeiten sich außerhalb der akademischen Forschung finden, ist vielen nicht klar. Die Vielfalt an Optionen finden wir zum Beispiel in unseren Alumni-Daten. Etwa die Hälfte der Postdocs gehen  in die Industrie, nur 10 Prozent davon forschen dort und 40 Prozent machen etwas ganz anderes. Vielen war vorher nicht bekannt, was das sein könnte: 40 Prozent unserer Doktoranden geben bei unseren Umfragen an, dass sie zwar in der Industrie arbeiten möchten, dort aber am liebsten in der Forschung. Um auf andere mögliche Tätigkeiten gut vorbereitet zu sein, ist es nützlich, sich  mit seinen Begabungen, Stärken und Schwächen auseinanderzusetzen. Diese Selbstanalyse ist eine Herausforderung bei der Karriereberatung. Man sollte nicht unbedingt alles infrage stellen, was man bisher gemacht hat, und stattdessen eher überlegen, welche Möglichkeiten habe ich, wenn ich meine bisherige Ausbildung, Kompetenzenund Talente nutze. Forscher haben oft ganz viele Fähigkeiten, die ihnen nicht bewusst sind. Und das ist das Typische, was wir auch in unserer Karriereberatung und -entwicklung machen können. Wir helfen den Nachwuchswissenschaftlern, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, was sie eigentlich alles können und wie sie dies unter Beweis stellen können – wie z.B. Kooperationen anbahnen und managen, Teams aufstellen und führen, innovativ arbeiten etc. Für die Postdocs bedeutet dies, dass sie später mit ihren Forschungserfahrungen auch ganz andere Tätigkeiten ausüben können, die sie persönlich erfüllen.

Wie unterstützen Sie im Career Service die DKFZ Postdocs darin, ihren optimalen Karriereweg zu finden und zu gestalten?

Wir informieren sie darüber, welche Karrierewege es gibt und wie jeder ganz individuell seine eigene Karriereplanen kann. Zudem fördern wir die Vernetzung zwischen den Wissenschaftlern, unseren Postdocs, Alumni, Forschern und anderen interessanten Menschen, die außerhalb arbeiten. Aus unserer Sicht ist es sehr wichtig, sich zu vernetzen und mit anderen direkt in Kontakt zu treten, um herauszufinden, welche Optionen man hat und wie man diese wahrnehmen kann. Ein weiterer wichtiger Ansatz der Karriereförderung ist für uns die persönliche individuelle Beratung. Dazu gehört etwa, Hilfestellung anzubieten bei der persönlichen Selbsteinschätzung oder bei der Umsetzung der langen Liste an Möglichkeiten. Zur Kompetenzanalyse nutzen wir u.a. das amerikanische Online-Verfahren  „My Individual Development Plan“, dessen Ergebnisse wir gemeinsam mit den Ratsuchenden besprechen und auswerten.

Die externen Jobangebote für Postdocs sind verlockend. In den industriellen Forschungsinstituten sind die Etats oft sehr viel höher, und es gibt mehr unbefristete Stellen. In der freien Wirtschaft ist der Doktortitel außerdem häufig eine Eintrittskarte für Führungspositionen und ein gutes Gehalt. Wie gelingt es Ihnen trotzdem, talentierte Nachwuchswissenschaftler für ein Verbleiben am DKFZ zu begeistern?

Wir können nicht alle unsere 400 Postdocs im Haus behalten. Aber wir freuen uns natürlich, wenn diejenigen, die wirklich gut sind, nach einer gewissen Zeit im Ausland wieder ans DKFZ zurückkehren. Das ist wichtig, weil Wissenschaft über internationale Kooperationen funktioniert und vor diesem Hintergrund sind internationale Erfahrungen extrem wichtig. In jedem Fall möchten wir unseren Postdocs auch zeigen, wie viele Vorteile die akademische Forschung hat. Hierzu nutzen wir u.a. unser Alumni-Netzwerk, die neue Internetplattform „DKFZ-Connect.de“ sowie Newsletter und Magazine. Wir wollen unsere Ehemaligen über das, was bei uns passiert auf dem Laufenden halten. So machen wir es ihnen leichter, mit uns in Kontakt zu bleiben, Kooperationen anzubahnen oder zurückzukommen.

Wobei brauchen Postdocs besonders Beratung und Unterstützung im Hinblick auf ihre individuelle Karriereentwicklung?

Die Idee, den eigenen Karriereweg zu planen, finden alle Nachwuchswissenschaftler gut. Aber ohne Unterstützung setzen sie das nur selten um. Es geht auch darum, die Postdocs etwas aus ihrer eigenen Komfortzone herauszuholen. Hier sind Beratung, Training, Feedback und der Aufbau von Netzwerken notwendig. Unsere Erfahrung ist folgende: sobald von unserer Seite aus die richtigen Impulse gesetzt sind, machen sich die meisten Nachwuchswissenschaftler daran, ihre Karriere systematisch zu planen.

Gibt es typisch deutsche Strukturen, kulturelle Gepflogenheiten, Bestimmungen und/oder Gesetze, die zugunsten einer optimaleren Karriereentwicklung dringend geändert werden sollten?

In Deutschland könnte noch mehr dafür getan werden, Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren. Die Selbstverständlichkeit, Vollzeit zu arbeiten, auch mit Kindern, kenne ich aus Belgien, Frankreich und Schweden anders als hier. Für die wissenschaftliche Karriereentwicklung ist es wichtig, flexibel im Beruf zu bleiben und damit keinen großen professionellen Bruch zu erleben. Ich glaube jedoch auch, dass dies in Deutschland nicht ausschließlich an den Gesetzen liegt, sondern auch das Spiegelbild kultureller Gewohnheiten und Einstellungen ist. Wichtig ist es, jungen Wissenschaftlern, mit oder ohne Kinder, Vätern und Müttern, Mut zu machen und zu zeigen welche Vielfalt wissenschaftliche Karrieren zu bieten haben.

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